Amerikanische Landwirt_innen steigen vom Traktor auf Ochsen um
Was machen Landwirt_innen, wenn der Ölpreis steigt und steigt? Ohne Diesel kein Traktor, ohne Traktor keine Feldbestellung und keine Ernte – oder doch? Dick Roosenberg bringt am einer Landwirtschaftsschule in Wisconsin jedes Wochenende 20 Leuten die Feldbestellung mit Ochsen bei. Gelernt hat er das in West-Afrika. Anfangs brachte er das Gelernte Landwirt_innen aus armen Ländern bei, damit sie ihre Felder mit möglichst wenig Geld bearbeiten konnten, nebenbei zeigte er die traditionellen Techniken auch in Museumsdörfern. Aber inzwischen kommen immer mehr Landwirt_innen von Wisconsin bis Alaska in seine Kurse, für die sich der Traktor als zunehmend unwirtschaftlich erweist – wegen der steigenden Ölpreise. Roosenberg erklärt: “Die Leute wollen weg vom Öl, wo es möglich ist, weil es immer teurer wird.”
Während ein Paar eingelernter Ochsen 3000 Dollar kostet, so viel wie ein gebrauchter Traktor, kommen junge Rinder für je 150 Dollar sehr günstig. Sie fressen nur Gras und arbeiten bis zu 14 Jahre lang. Ihr Mist ist als ein willkommener Dünger und wenn sie sterben, kann man sie essen. Sie fügen sich in ökologische Kreisläufe ein. Ihr einziger Nachteil, sagt Rosenberg, ist ihre Langsamkeit. Für große Farmen eigneten sie sich nicht; für kleine hingegen seien sie perfekt.
Bis in die 50er Jahre haben auch hier noch viele Bäuer_innen noch mit Zugtieren gepflügt – mit Pferden, Eseln, Maultieren oder Rindern. Erst als Höfe zusammengelegt wurden, um die Flächen zu vergrößern und die Landwirtschaft wirtschaftlicher zu machen, lohnte sich der Einsatz von Traktoren. In Nordamerika geht man heute davon aus, dass Pferde bis zu einer Fläche von etwa 25 Hektar wirtschaftlicher sind als ein Traktor, dabei spielen aber viele Faktoren eine Rolle. Nicht nur der Preis für Diesel, auch die Art des Anbaus spielt eine Rolle: auf vielseitigen Höfen schneiden Zugtiere besser ab als dort, wo auf allen Felder dasselbe Getreide steht, das zum selben Zeitpunkt geerntet werden muss. Weitere Faktoren können Pferde wirtschaftlicher machen als Motoren: Sie können zum Beispiel auch im Wald eingesetzt werden oder für Kutschfahrten mit Ferien- oder Ausflugsgästen. Ein großer Vorteil der Pferde ist, dass sie den Ackerboden weniger verdichten als ein schwerer Traktor. Im Gärtnerhof Landolfshausen zieht deshalb ein Pony den Pflug durchs Gewächshaus.
Nicht immer spielt die bloße ökonomische Betrachtung die entscheidende Rolle. Der Traktor ist ein Statussymbol. Wenn der Neue ein kleines, leichtes Modell ist, wird geunkt: “Geht es dem Hof jetzt schon so schlecht, dass die sich keinen anständigen Trecker mehr leisten können?” Wie sähen die Reaktionen erst aus, wenn man mit Pferden pflügt?
Auf der anderen Seite sagen einige Landwirt_innen, dass ihre Lebensqualität sich verbessert hat, als sie den Traktor aufgaben und Zugpferde auf den Hof holten. Die Arbeit mit den Pferden ist ruhiger. Man arbeitet mit lebenden Wesen statt mit Maschinen. Mit Tieren pflügen ist zwar nicht einfach, hohe Konzentration ist gefragt, aber stressiger ist es mit dem Traktor. Auf jeden Fall wurden die Landwirt_innen dadurch ein Stück unabhängiger von externen Energiequellen, deren Preise sie nicht beeinflussen können.
Und nicht nur in der Landwirtschaft werden Motoren durch Pferde ersetzt: In der belgischen Stadt Schaarbeck ist die Müllabfuhr teilweise auf Pferde umgestiegen. Zwei Ardenner-Pferde ziehen einen Müllwagen für die Leerung öffentlicher Mülleimer. Bisher wurde dies von drei LKWs erledigt, jetzt wurde ein LKW durch Pferde ersetzt.
Unsere Großeltern wuchsen mit Zugtieren auf – und unsere Enkel werden es wieder tun. Denn die Ära des billigen Öls neigt sich dem Ende zu.

Heuabfuhr im Engadin um 1900

Rinder als Pflug- und Zugtiere in Kuba, Teneriffa, Indien und im Museumsdorf Ungersheim im Elsass
Quellen:
- DailyMail: Farmers across America ditch tractors for oxen in bid to beat rising fuel prices
- Göttinger Tageblatt: Mit Pony Tricki vor dem Pflug ins Gewächshaus
- DeMorgen: Schaarbeek zet trekpaarden in voor ophaling van afval
- Arbeitspferde im Naturschutz (PDF)
- Starke Pferde (Zeitschrift)
- Interessengemeinschaft Zugpferde
Bildquellen: Bild ganz oben: Rob Novak, CC-Lizenz. Bild Engadin: Unbekannt, Public Domain. Vierer-Montage von oben nach unten und links nach rechts: Cyberesque, CC-Lizenz; Pamela Heywood, CC-Lizenz; ILRI, CC-Lizenz; Corradox, CC-Lizenz.


3 Kommentare
Spannende Entwicklung. Eine genaue Gegenüberstellung Traktor – Pferde – Ochsen würde mich interessieren. Aber das hängt sicherlich stark von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten ab.
Es gibt in der Nähe von München einen Ökobauern, der seine Traktoren mit Biodiesel betreibt, den er selbst anbaut: Öl-Lein, den er in Mischkultur mit Hafer anbaut. Der Haferertrag bleibt der gleiche, sagt er. Das finde ich auch eine gute Lösung, denn Pferde und Rinder brauchen ja auch viel (Weide-)Platz.
Genaue Zahlen scheint es nicht zu geben, weil es wohl wirklich sehr von den individuellen Gegebenheiten abhängt.
Der Bauer, den du meinst, ist Josef Braun, nicht wahr? Ja, das finde ich auch eine sehr sinnvolle Art, Biodiesel anzubauen (keine Konkurrenz mit Nahrung). Das wäre mal ein eigenes Blogpost wert!
Ja, genau den meine ich :-)
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