Ändert sich das Suchverhalten?

Das Think Eyetracking Blog veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Studie darüber, wie Nutzer die erste Seite der Suchergebnisse wahrnehmen. Interessant ist, dass sie das Ergebnis mit dem einer gleichen Studie aus dem Jahr 2005 vergleichen – ich erlaube mir, die beiden Bilder zu zitieren:

Think Eyetracking-Studie zum Suchverhalten

Think Eyetracking-Studie zum Suchverhalten

Die Schlussfolgerung fällt praktisch ins Auge: während früher noch die gesamte erste Seite Aufmerksamkeit fand, wird heute im wesentlichen das erste Suchergebnis angesehen. Es ist plausibel, dass sich Wahrnehmungsmuster mit zunehmender Gewohnheit ändern, auch eine Verbesserung der Suchergebnisse wird als Ursache diskutiert – aber lassen sich die Ergebnisse verallgemeinern?

An der Uni durfte ich lernen, dass Leute praktisch alles glauben, was auf Bildern zu sehen ist, nach dem Motto: Texte können lügen und erfinden, aber Bilder zeigen die Realität. In diesem blinden Glauben bzw. der Erkenntnis, dass wir Bildern so leicht auf dem Leim gehen, liegt übrigens der Grund dafür, warum die Geisteswissenschaften Bildern so kritisch gegenüberstehen. Auch ich will hier die scheinbare Eindeutigkeit dieser Bilder ein wenig hinterfragen.

Leider erfährt man über den Studienaufbau recht wenig, eigentlich zu wenig, um eine wirkliche Aussage dazu machen zu können. Eine Sache, die mir spontan aufgefallen ist, sind die unterschiedlichen Suchbegriffe:

  • In der Studie von 2008 bekamen die Testpersonen den Begriff “oasis” vorgegeben.
  • Der Suchbegriff von 2005 ist nicht bekannt, aus dem Bild kann man jedoch ersehen, dass deutlich länger (mehrere Wörter) und somit möglicherweise spezifischer ist.

“Oasis” ist ambig – das heißt, der Begriff hat mehrere mögliche Bedeutungen. Vor allem assoziiert man damit die Band, die man auch ganz oben in den SERPs findet, weiter unten folgen diverse eher unbekannte Organisationen, die das Akronym OASIS als Name verwenden. Die Testpersonen sehen möglicherweise in ihrer ersten Assoziation das “richtige” Ergebnis – denn sie suchen ja nicht nach einem bestimmten Inhalt. Sie googeln nach “oasis”, weil das Studiendesign es so vorgibt.

Suchbegriff und Motiv

Ich würde vermuten, dass sehr viel vom Suchbegriff und dem Ziel des Suchenden abhängt. Nehmen wir folgendes Szenario:
Angenommen, Fu Bar sucht nach “Reise” und erblickt auf Platz 1 eines der großen Reiseportale, die vor allem Last-Minute-Reisen ans Mittelmeer anbieten. Fu Bar will aber nach Norwegen fahren und versteht jetzt, dass er so nicht zum Ziel kommt. Also verfeinert er seine Suchanfrage: “Norwegen Trekking Hardangervidda”. Auf Platz 1 findet er jetzt nur einen Wikipedia-Artikel, der ihn nicht interessiert, aber von den folgenden Ergebnisse (Reiseberichte etc.) sieht er sich mehrere genauer an.

Beispiel navigationale Suchanfragen

Lesenswert ist die Diskussion, die in den Kommentaren bei Think Eyetracking geführt wird. Neben Links zu weiteren Studien findet man auch mögliche Erklärungsansätze, warum ein Ergebnis so und nicht anders ausfällt. Darunter zum Beispiel die Vermutung, dass User Google immer stärker für navigationale Suchanfragen verwenden – statt die Url einzutippen, tippen sie den Namen der Seite bei Google ein. (Übrigens auch bei bekannten Seiten mit kurzen Urls – seht euch mal an, wie oft nach “gmx” gesucht wird. Auch Googles Deal mit Firefox und dessen steigender Marktanteil dürften hier einen Einfluss haben. Für viele Leute ist Google nicht mehr einfach nur eine Suchmaschine, Google ist das Internet.

Kritik

In Bezug auf die Studie sehe ich folgende offene Fragen/Problempunkte:

  • Die Tests wurden (zumindest 2008) nur mit einem einzigen Suchbegriff durchgeführt.
  • Einen Suchbegriff vorzugeben, hat den Nachteil, dass die Testpersonen keine eigene Motivation hat, etwas bestimmtes zu finden (eine bestimmte Information, Buchungsmöglichkeit etc.).

Der generelle Trend, dass das erste Suchergebnis stärker beachtet wird, scheint mir übrigens plausibel – es dürfte allerdings nicht neu sein, dass der erste Platz bei weitem die meisten Besucher auf die Seite zieht. Allzu weitreichenden Schlussfolgerungen sollte man aus solch kleinen Studien nicht ziehen – zu unterschiedlich sind verschiedene Suchbegriffe, die konkreten Suchergebnisse und die Motive der Suchenden. Um verlässliche Aussagen zu bekommen, die eine Relevanz für die Optimierung haben, müsste man gezielt bestimmte Suchbegriffe mit der Zielgruppe testen – sehr aufwändig.

Fazit: Solche Studien sind zwar interessant und es ist sehr zu begrüßen, dass Leute sich die Mühe machen, sie durchzuführen. Man sollte sie es sich aber nicht nehmen lassen, sie kritisch zu hinterfragen – auch in Bezug auf die eigene Arbeit.

Weitere Berichte zur Think-Eyetracking-Studie findet man zum Beispiel bei